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WESER-KURIER, 26.08.2012

 



Der Schatz wird restauriert


Von Rose Gerdts-Schiffler

Experten-Team arbeitet die historische Wandvertäfelung im Schwurgerichtssaal 218 des Landgerichts auf


Vier Jahre lang bauten Ende des 19. Jahrhunderts die besten Handwerker Bremens und umzu am Landgerichtsgebäude an der Domsheide. Ein besonderes Schmuckstück ist darin der Schwurgerichtssaal 218. Dort sind in den vergangenen zwei Wochen die Restauratoren eingezogen, um die historische Wandvertäfelung wiederaufzuarbeiten. Am Tag des offenen Denkmals, am 9. September, wird der Saal für Besucher zugänglich sein.

Bremen. Restauratoren brauchen eine ruhige Hand und vor allem Geduld. Kein Beruf für Hektiker, die schnell, schnell ihre Arbeit erledigen wollen. Doch beim Schwurgerichtssaal 218 im Bremer Landgericht stieß sogar Roger Kossann an seine Grenzen. 2007 kartierte und dokumentierte der Bremer Restaurator die Schäden des imposanten Saales im zweiten Stock des nicht minder beeindruckenden Gebäudes an der Domsheide. Dann passierte erst mal lange nichts. So lange, bis Roger Kossann die Anfrage seitens des Landgerichts wieder vergaß.

Roger Kossann im Schwurgerichtssaal 218 Landgericht Bremen

Restaurator Roger Kossann überholt die die Wandvertäfelung im Schwurgerichtssaal 218 des Bremer Landgerichts. FOTO: FRANK KOCH

In dem riesigen Saal mit seiner hohen Decke und den aufwendigen Schnitzereien wurde weiter über Mörder zu Gericht gesessen – bis schließlich fünf Jahre nach der Schadenskartierung, doch noch der Auftrag für die Arbeiten des Bremer Restaurators kam. „Wir haben die Gelder aus allen möglichen Töpfen zusammengekratzt“, sagt der Richter und Pressesprecher Helmut Kellermann. Er selbst sitzt regelmäßig viele Stunden in der Woche im Saal 218. Aber vermutlich hat auch Kellermann noch längst nicht alle Schnitzereien rings um sich herum genau betrachtet.

14 Tage lang blieb der Saal im August für Verteidiger, Staatsanwaltschaft und die Schwurgerichtskammern geschlossen. Stattdessen zogen Kossann und seine drei Mitarbeiter mit ihren feinen Pinseln, den Leitern, Tüchern, den Sägen und unzähligen Leim- und Farbtöpfen ein.

Der Restaurator gerät sofort ins Schwärmen, wenn er auf den Schwurgerichtssaal angesprochen wird: „Das ist kein Kleinod, das ist ein Schatz!“ Roger Kossann dreht sich mitten im Raum um die eigenen Achse und deutet auf die Wandvertäfelungen ringsherum. „Alles aus bester Eiche geschnitzt, ohne Äste, also astrein. Heute unbezahlbar.“ Die Bildhauer damals seien „begnadete Kunsthandwerker“ gewesen. Und Konkurrenten.

Allein 26 Tischlermeister waren in den 90er-Jahren des 19. Jahrhunderts monatelang mit ihren Gesellen und Lehrlingen am Werk. Keiner wollte in der Kunstfertigkeit dem anderen nachstehen. Und so kommen die eher wenigen Besucher, die sich ins Landgericht verirren, meist nicht mehr aus dem Staunen heraus.

Der Schönste der schönen Säle aber ist wohl der 218. Doch nach über 100 Jahren, in denen hier manchmal nicht nur bei der Urteilsverkündung die Luft zum Schneiden war, hatte der Knochenleim an vielen Stellen nicht mehr gehalten. Er ist versprödet. Abdeckleisten und Sockelelemente lösten sich, und Vertäfelungen wiesen kleine Ausbrüche auf.

„Je länger man wartet, desto höher die Schäden“, weiß Kossann aus Erfahrung. Eine feststehende Regel unter Restauratoren – genauso wie die, dass alle vorstehenden Holzschnitzereien an Truhen oder Schränken irgendwann im Laufe der Zeit durch Menschenhand abbrechen. Aus Langeweile oder Absicht wird so lange gepult, bis die Schnitzerei nachgibt.

Doch nicht so im Saal 218. Lange Adlerzungen stehen aus den Holzbildern an der Wand ebenso hervor wie die filigranen Flügel von Engeln. Aber kaum eines der Bilder ist beschädigt. Kossann glaubt zu wissen warum: „Das traut sich hier keiner“, und deutet mit einem Kopfnicken in Richtung des erhöhten Richtertisches am Ende des Saals.

Die Ernüchterung kommt, sobald man gemeinsam mit ihm in die Knie geht: Dicht an dicht kleben sie unter den Bänken der Zuschauer, aber auch unter den Tischen der Staatsanwaltschaft oder der Verteidigung: Kaugummis in allen Variationen. Angesichts des Frevels schüttelt es den 55-Jährigen. Der Schaden allerdings ist leicht behebbar.

Ganz anders bei dem steinernen, großen Kopf eines Kindes unter der Decke, direkt über dem Pult der Verteidigung. Eine Taube, so heißt es, habe sich eines Tages in den Saal verirrt. Ihrer wurde man nicht anders habhaft als mit roher Gewalt. „Peng“, sagt Kossann und zielt auf die Bildhauerarbeit unter der Decke. Ob es damals die Taube erwischt hat, ist nicht überliefert. Deutlich zu sehen ist aber noch, dass das Kinn des Kindes fehlt. Die Justizmitarbeiter haben die Einmaligkeit von Gebäude und Interieur lange Zeit nicht richtig eingeschätzt, ist der Fachmann überzeugt. Dies habe sich inzwischen sehr verändert.

Kossann hofft, dass niemand so schnell den Einsatz seines Teams bemerkt, wenn hier wieder über Schuld und Unschuld entschieden: „Der Saal soll ja nicht in neuem Glanz erstrahlen.“ Restaurieren und Konservieren – das ist sein Ziel. Nicht reparieren, neu streichen und alles anhübschen. Dem direkten Auftraggeber sei das noch zu vermitteln. Schwieriger sei es oft, bei den übergeordneten Behörden. Aber wenn jede Leiste an ihrem Platz ist, die Vertäfelungen halten, die schadhaften Stellen ausgebessert sind – und niemandem die Arbeit gleich ins Auge sticht – dann , so Roger Kossann, „ist das das höchste der Gefühle“.

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